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Erster Tag im Krankenhaus

Pünktlich 9:00 Uhr trete ich wie geplant zur stationären Aufnahme an. Nach einem endlosen Marathon von Wartebereich zu Wartebereich und jeder Menge Standarduntersuchungen komme ich zwei Stunden später auf meiner Station an. Nur, dass die weder ein Zimmer, noch ein Mittagessen für mich hat. Ich verbringe also die Mittagszeit wartend im Gemeinschaftsraum der Station. Dort stehen an sich sehr bequem aussehende, dunkelrote Sessel, deren Kopflehnen von den vielen daran geriebenen fettigen Haaren schon eine gräuliche, bröselnde Oberfläche gebildet haben. Ich denke wehmütig an die waschbaren Kopflehnenlätzchen in Flugzeugen und setze mich in einen unbequemen Stuhl ohne Kopflehne. Zwischendurch werde ich in einem „unreinen Arbeitszimmer“ zum dritten mal an diesem Tag „aufgenommen.“ Die sehr junge Aufnahme-Schwester hat knallrote Haare, einen koketten, perfekten Lidstrich und ist – wie ich beim ersten Satz bemerke – vielleicht das schärfste, aber nicht das intelligenteste Messer im Schrank. Ihre Fragen nuschelt sie undeutlich vor sich hin. So undeutlich, dass ich zunächst die Frage nach einem künstlichen Darmausgang mit „JA“ beantworte... Anschließend bete ich zum dritten mal an diesem Tag meine Allergien herunter. Aus Beobachtungen weiß ich, dass diese bereits 2 mal schriftlich in der Krankenakte vermerkt wurden. Heiter beantworte ich alle weiteren Fragen – auch diese, die die scharfe Schwester doppelt, beziehungsweise dreifach stellt, wie zum Beispiel die Frage nach einer Brille, die ich immer noch nicht trage. Direkt unter meinem abgestützten Arm liegt der Bettenplan der Station. Ich lese also ganz entspannt während des Gespräches, wer noch so alles auf der Station liegt, wo diejenigen jeweils so wohnen und bei welcher Krankenkasse sie versichert sind. Mir fällt auf: eine Vietnamesin heißt ähnlich wie meine Freundin, deren Geburtstag ich vorgestern vergessen habe – wie ärgerlich. So viel zum Datenschutz. Die Diagnosen der Einzelnen wären noch ganz interessant gewesen. Nach eineinhalb Stunden Wartezeit auf Station ist mein Zimmer endlich bezugsfertig. Es hat keinen Tisch, kein eigenes Bad, nur zwei Betten, einen Schrank, ein Waschbecken, zwei Stühle und einen vergilbten Röhrenfernseher aus der Bronzezeit. Ich werfe meine Sachen ab und gehe zügig in die Caféteria – endlich Mittagessen. Die Frau an der Kasse redet während des Kassierens mit ihrer Kollegin. Alles kotzt sie an, sie kann kaum noch stehen, alles scheiße, lange macht sie das hier alles nicht mehr mit, sie hat so furchtbare Schichten.... Ich wispere „Verzeihung bitte!“ Wütend schaut sie mich an. Schon wieder einer an der Kasse. „Sind sie Gast?“ faucht sie mich an. „Nein, Patient“ antworte ich vorsichtig. „Also Gast – piep – der Betrag auf der Anzeigetafel verdoppelt sich. Glücklicherweise liegt in meinem Zimmer eine nette, sehr gesellige junge Mutti, mit ihr vergeht der Nachmittag wie im Flug, allerdings wird sie dann gleich entlassen. Gegen vier besucht mich der osteuropäische Anästhesist, ein sympathisches Kerlchen mit sehr starkem Akzent, der weder meinen regelmäßigen Tabak- noch meinen Alkoholkonsum für die Narkose bedenklich hält. Halb 6 gibt es Abendessen: 3 nicht mehr frische Schnitten, ein winziges Butterstück, 2 Scheiben Wurst und einen Harzer Käse. Vollendet wird das Menü von zwei angetrockneten Gurkenscheiben. Ich esse wieder mein eigenes Essen. 19 Uhr schließlich kommt die abgekämpfte Ärztin und fragt mich scherzend, ob wir heute noch zusammen um die Häuser ziehen. Ich kläre sie auf, dass ich laut Anästhesist nur noch bis „abends“ rauchen und trinken darf, woraufhin sie sich freut – dann hat sie ja jemanden, der sie später heim bringt. Sie klärt mich über die Risiken der OP auf und ich frage mich, ob ich mir das wirklich gut überlegt habe. Die ambulante Ärztin hatte ganz locker gesagt „Dienstag rein, Samstags raus“. Die partywütige Assistenzärztin will sich da nicht festlegen, also „lass dich überraschen“. Als ich mir später einen Tee hole, springt sie immer noch über die Gänge und lässt Dinge fallen. Ich frage sie, ob wir mit der Party in Anbetracht ihres Krachs gleich hier auf dem Gang beginnen wollen. Sie lacht, doch der Stress hat sich schon lange in ihren Gesichtszügen festgefressen. Schließlich wird mir gegen 20 Uhr dann doch etwas fad und ich kaufe am Automaten eine Chipkarte und Kopfhörer für den Fernseher im Zimmer. Man muss die Karte in das Telefon stecken. Ich begutachte das Telefon. Es ist, wie der Fernseher, vergilbt und dazu noch staubig. Irgendwie verwundert es mich, dass es keine Wählscheibe hat. Kleine Fettschlieren und klebriger Dreck haben sich in den etwas schwerer erreichbaren Vertiefungen angesammelt. Ich finde irgendwo Desinfektionstücher und reinige es gründlich. Nachdem ich zweimal eine Schwester um Hilfe gefragt habe, bin ich endlich „angemeldet.“ Seitdem ist „der Teilnehmer (Fernseher) nicht erreichbar“ wenn ich versuche, ihn anzurufen. Mittlerweile habe ich bemerkt, dass allerlei Getier in meinem Zimmer umherfliegt. Da ich nun allein auf dem Zimmer bin, gehe ich ungeniert auf Viecherjagd. Ich stelle fest, dass vor dem klappbaren Oberfenster keine Gaze ist und verfluche mich selbst dafür, dass ich das Licht an und das Fenster auf hatte. Doch Moment, was ist denn das hier in der Ecke? Hmmm eine Spinne... Während meiner mörderischen Jagd fange ich an, mich in diesem Zimmer intensiver umzusehen. Circa 60 kleine Fruchtfliegen lungern an der Decke herum. In jeder Ecke befindet sich ein kleines Spinnennetz. Dafür bin ich regelrecht dankbar, die könnten ja die Fruchtfliegen und Mücken fangen. Ich rolle die ausgedruckten Aufgabenstellung zur Vorbereitung auf ein Master-Seminar zusammen und schlage los. Und ich bin wirklich gut, innerhalb von 5 Minuten erledige ich 6 Mücken – kein schlechter Schnitt. Es freut mich, ihnen hinterher zu schauen, wenn sie tot zu Boden fallen. Ach ne, da auf dem Boden liegen ja schon ca. 10 tote Mücken – offenbar war die Mückenplage schon länger im Zimmer. Das Bonbonpapier meiner vorherigen Mitbewohnerin liegt auch noch unter dem frisch gemachten, desinfizierten Bett. Tapfer erschlage ich noch weitere 10 Viecher und inspiziere alte Flecken an der Wand und Dreck in den Ecken. Gott sei dank bin ich bei ein bisschen Dreck auf dem Fußboden nicht eklig. Schließlich schaut 22:15 Uhr eine Schwester herein und erreicht den Teilnehmer Fernseher. Nicht auf die richtige Kombination der Tasten kommt es an, sondern man muss die Tasten ganz rhythmisch – also ganz gleichmäßig der Reihe nach – drücken. Na dann lasse ich mich mal berieseln: Gute Nacht!

30.9.14 12:03

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