Letztes Feedback

Meta





 

Unser Freund, der Stammtisch-Nazi

Wir alle haben ihn irgendwo im Freundes- oder Bekanntenkreis. Er ist recht einfach gestrickt, hat eine poltrig-freundliche Art – eigentlich ein ganz feiner Kerl, mit dem man über alles reden kann. Außer über Politik. Ich wage die Theorie, dass ein gewisser Menschenschlag bei Themen wie Asylbewerbern schlicht und ergreifend faktenresistent bleibt. Da nützt keine Statistik, keine wissenschaftliche Untersuchung – der Ausländer muss raus. Schließlich kostet der nur Geld und ist grundsätzlich kriminell. Aktuell erregt sich deutschlandweit dieser renitente Menschenschlag ganz furchtbar über die Kosten des Flüchtlingszustroms. Woher die „Sozialschmarotzer“ kommen, ist dabei zumeist völlig unbekannt. Gar wie diese Länder und deren Hauptstädte eigentlich heißen und wie es denn zum dortigen Konflikt kam ist schon viel zu komplex. Mubarak, Assad, bin ich Türke oder was? Afghanistan? Ja, da war mal Krieg und die behandeln ihre Frauen schlecht – na sollen die doch weiter ihr blödes Kopftuch tragen. Ein eigenes Mitverschulden hält unser Freund in seinem kleinen Kosmos zwischen Arbeit, aktiver Freizeitgestaltung und überschwänglichem Konsum für völlig ausgeschlossen. Dieser Konflikt in diesen Ländern „da unten“ hat schließlich nichts mit ihm zu tun. Unter sozialer Verantwortung versteht er den Nachbarschaftsdienst in der Urlaubszeit. Briefkasten leeren und Blumen gießen – ja unser Freund ist ein Held der sozialen Kompetenz. Nach seiner überaus sozialen Tat, dem Freund seines Sohnes bei den Hausaufgaben geholfen zu haben, geht der mündige Bürger an seinen Stammtisch und poltert: „Die wollen doch alle nur unser Geld und bald ziehen räuberische Banden durch unseren Heimatort.“ Um die übermäßige Kriminalität der Ausländer zu beweisen, zieht er ein paar unreflektierte Zahlen des BKA (vielleicht zitiert aus Bild oder Mopo) heran, wobei das BKA mittlerweile selbst diese Zahlen mit dem wichtigen Hinweis versehen hat: "Diese Daten dürfen nicht mit der tatsächlichen Kriminalitätsentwicklung gleichgesetzt werden. Sie lassen auch keine vergleichende Bewertung der Kriminalitätsbelastung von Deutschen und Nichtdeutschen zu". Denn dort werden auch alle „verdächtigen“ Ausländer erfasst. Welche unbedeutender Hinweis für den Polemiker. Und verdächtigt wird der Ausländer häufig. Vor ein paar Tagen wurde ein afrikanisches Paar in Frankreich 20 Stunden eingesperrt, weil sie beim Einkaufen mit einem (echten) 500€ - Schein bezahlen wollten. Anbei in aller Kürze ein paar Zahlen und Fakten & entsprechende Links zu den Quellen. Auch jeder, der gerade die Hauptstadt Syriens nachschlägt, sollte vielleicht mal nachlesen... Die für 2014 geplanten Ausgaben des Bundes belaufen sich auf 300 Milliarden Euro, von denen laut dem Bund der Steuerzahler jährlich 20 Milliarden Steuergelder für sinnfreie Projekte verschwendet werden. Die Kosten für den Berliner Flughafen BER werden aktuell auf 8 Milliarden geschätzt. Aktuell befindet sich ein Drittel der syrischen Gesamtbevölkerung auf der Flucht. „Syrien droht, zur größten humanitären Katastrophe des neuen Jahrhunderts zu werden.“ (Le Monde diplomatique) Die Asylbewerber haben den Steuerzahler im Jahr 2013 hingegen lächerliche 1,5 Milliarden gekostet. Aus diesen Fakten schlussfolgert unser polternder Freund: Genau diese 1,5 Milliarden fehlen dem deutschen Volk! Die Verwendung der anderen 298,5 Milliarden ist ihm ziemlich egal. Das den Deutschen durch Steuerflucht bzw. -hinterziehung ein jährlicher Schaden von 100 Milliarden Euro entsteht, ist auch nicht weiter wichtig. Fleißig sammelt unser mittelständischer Poltergeist Bewirtungsbelege und Rechnungen Dritter, um sie dann bei der Steuer anzusetzen. Die Unfähigkeit der deutschen Behörden, den Flüchtlingszustrom effizient zu organisieren und die Schwerfälligkeit des deutschen Verwaltungsapparates führen aktuell zu gewalttätigen Übergriffen und damit zum Erstarken einer ganz neuen rechtsgerichteten Polemik, die plötzlich gesamtgesellschaftlich anerkannt wird und auch vor einem höheren Bildungsgrad nicht Halt macht. „Gesamtgesellschaftliches Fiasko“ erscheint mir als Urteil untertrieben. Comic von Sammy le Fox (www.facebook.com/sammylefox)

4.10.14 12:09, kommentieren

Erster Tag im Krankenhaus

Pünktlich 9:00 Uhr trete ich wie geplant zur stationären Aufnahme an. Nach einem endlosen Marathon von Wartebereich zu Wartebereich und jeder Menge Standarduntersuchungen komme ich zwei Stunden später auf meiner Station an. Nur, dass die weder ein Zimmer, noch ein Mittagessen für mich hat. Ich verbringe also die Mittagszeit wartend im Gemeinschaftsraum der Station. Dort stehen an sich sehr bequem aussehende, dunkelrote Sessel, deren Kopflehnen von den vielen daran geriebenen fettigen Haaren schon eine gräuliche, bröselnde Oberfläche gebildet haben. Ich denke wehmütig an die waschbaren Kopflehnenlätzchen in Flugzeugen und setze mich in einen unbequemen Stuhl ohne Kopflehne. Zwischendurch werde ich in einem „unreinen Arbeitszimmer“ zum dritten mal an diesem Tag „aufgenommen.“ Die sehr junge Aufnahme-Schwester hat knallrote Haare, einen koketten, perfekten Lidstrich und ist – wie ich beim ersten Satz bemerke – vielleicht das schärfste, aber nicht das intelligenteste Messer im Schrank. Ihre Fragen nuschelt sie undeutlich vor sich hin. So undeutlich, dass ich zunächst die Frage nach einem künstlichen Darmausgang mit „JA“ beantworte... Anschließend bete ich zum dritten mal an diesem Tag meine Allergien herunter. Aus Beobachtungen weiß ich, dass diese bereits 2 mal schriftlich in der Krankenakte vermerkt wurden. Heiter beantworte ich alle weiteren Fragen – auch diese, die die scharfe Schwester doppelt, beziehungsweise dreifach stellt, wie zum Beispiel die Frage nach einer Brille, die ich immer noch nicht trage. Direkt unter meinem abgestützten Arm liegt der Bettenplan der Station. Ich lese also ganz entspannt während des Gespräches, wer noch so alles auf der Station liegt, wo diejenigen jeweils so wohnen und bei welcher Krankenkasse sie versichert sind. Mir fällt auf: eine Vietnamesin heißt ähnlich wie meine Freundin, deren Geburtstag ich vorgestern vergessen habe – wie ärgerlich. So viel zum Datenschutz. Die Diagnosen der Einzelnen wären noch ganz interessant gewesen. Nach eineinhalb Stunden Wartezeit auf Station ist mein Zimmer endlich bezugsfertig. Es hat keinen Tisch, kein eigenes Bad, nur zwei Betten, einen Schrank, ein Waschbecken, zwei Stühle und einen vergilbten Röhrenfernseher aus der Bronzezeit. Ich werfe meine Sachen ab und gehe zügig in die Caféteria – endlich Mittagessen. Die Frau an der Kasse redet während des Kassierens mit ihrer Kollegin. Alles kotzt sie an, sie kann kaum noch stehen, alles scheiße, lange macht sie das hier alles nicht mehr mit, sie hat so furchtbare Schichten.... Ich wispere „Verzeihung bitte!“ Wütend schaut sie mich an. Schon wieder einer an der Kasse. „Sind sie Gast?“ faucht sie mich an. „Nein, Patient“ antworte ich vorsichtig. „Also Gast – piep – der Betrag auf der Anzeigetafel verdoppelt sich. Glücklicherweise liegt in meinem Zimmer eine nette, sehr gesellige junge Mutti, mit ihr vergeht der Nachmittag wie im Flug, allerdings wird sie dann gleich entlassen. Gegen vier besucht mich der osteuropäische Anästhesist, ein sympathisches Kerlchen mit sehr starkem Akzent, der weder meinen regelmäßigen Tabak- noch meinen Alkoholkonsum für die Narkose bedenklich hält. Halb 6 gibt es Abendessen: 3 nicht mehr frische Schnitten, ein winziges Butterstück, 2 Scheiben Wurst und einen Harzer Käse. Vollendet wird das Menü von zwei angetrockneten Gurkenscheiben. Ich esse wieder mein eigenes Essen. 19 Uhr schließlich kommt die abgekämpfte Ärztin und fragt mich scherzend, ob wir heute noch zusammen um die Häuser ziehen. Ich kläre sie auf, dass ich laut Anästhesist nur noch bis „abends“ rauchen und trinken darf, woraufhin sie sich freut – dann hat sie ja jemanden, der sie später heim bringt. Sie klärt mich über die Risiken der OP auf und ich frage mich, ob ich mir das wirklich gut überlegt habe. Die ambulante Ärztin hatte ganz locker gesagt „Dienstag rein, Samstags raus“. Die partywütige Assistenzärztin will sich da nicht festlegen, also „lass dich überraschen“. Als ich mir später einen Tee hole, springt sie immer noch über die Gänge und lässt Dinge fallen. Ich frage sie, ob wir mit der Party in Anbetracht ihres Krachs gleich hier auf dem Gang beginnen wollen. Sie lacht, doch der Stress hat sich schon lange in ihren Gesichtszügen festgefressen. Schließlich wird mir gegen 20 Uhr dann doch etwas fad und ich kaufe am Automaten eine Chipkarte und Kopfhörer für den Fernseher im Zimmer. Man muss die Karte in das Telefon stecken. Ich begutachte das Telefon. Es ist, wie der Fernseher, vergilbt und dazu noch staubig. Irgendwie verwundert es mich, dass es keine Wählscheibe hat. Kleine Fettschlieren und klebriger Dreck haben sich in den etwas schwerer erreichbaren Vertiefungen angesammelt. Ich finde irgendwo Desinfektionstücher und reinige es gründlich. Nachdem ich zweimal eine Schwester um Hilfe gefragt habe, bin ich endlich „angemeldet.“ Seitdem ist „der Teilnehmer (Fernseher) nicht erreichbar“ wenn ich versuche, ihn anzurufen. Mittlerweile habe ich bemerkt, dass allerlei Getier in meinem Zimmer umherfliegt. Da ich nun allein auf dem Zimmer bin, gehe ich ungeniert auf Viecherjagd. Ich stelle fest, dass vor dem klappbaren Oberfenster keine Gaze ist und verfluche mich selbst dafür, dass ich das Licht an und das Fenster auf hatte. Doch Moment, was ist denn das hier in der Ecke? Hmmm eine Spinne... Während meiner mörderischen Jagd fange ich an, mich in diesem Zimmer intensiver umzusehen. Circa 60 kleine Fruchtfliegen lungern an der Decke herum. In jeder Ecke befindet sich ein kleines Spinnennetz. Dafür bin ich regelrecht dankbar, die könnten ja die Fruchtfliegen und Mücken fangen. Ich rolle die ausgedruckten Aufgabenstellung zur Vorbereitung auf ein Master-Seminar zusammen und schlage los. Und ich bin wirklich gut, innerhalb von 5 Minuten erledige ich 6 Mücken – kein schlechter Schnitt. Es freut mich, ihnen hinterher zu schauen, wenn sie tot zu Boden fallen. Ach ne, da auf dem Boden liegen ja schon ca. 10 tote Mücken – offenbar war die Mückenplage schon länger im Zimmer. Das Bonbonpapier meiner vorherigen Mitbewohnerin liegt auch noch unter dem frisch gemachten, desinfizierten Bett. Tapfer erschlage ich noch weitere 10 Viecher und inspiziere alte Flecken an der Wand und Dreck in den Ecken. Gott sei dank bin ich bei ein bisschen Dreck auf dem Fußboden nicht eklig. Schließlich schaut 22:15 Uhr eine Schwester herein und erreicht den Teilnehmer Fernseher. Nicht auf die richtige Kombination der Tasten kommt es an, sondern man muss die Tasten ganz rhythmisch – also ganz gleichmäßig der Reihe nach – drücken. Na dann lasse ich mich mal berieseln: Gute Nacht!

30.9.14 12:03, kommentieren

Reisebericht Teil 2

2. Kapitel des Reiseberichtes: Gratis WiFi auf einem Campingplatz hätte ich nun nicht erwartet... Abgesehen davon gewittert es zum zweiten Mal heftig - der Regen und die Normandie gehören leider eng zusammen. Eines kristallisiert sich immer mehr heraus: Die Franzosen sind unglaublich freundlich und hilfsbereit - wenn sie denn mal da sind. Die Öffnungszeiten der meisten Attraktionen lesen sich hier häufig wie ein Satireartikel: geöffnet am Wochenende außer an Sonntagen - AHA. Geöffnete Baumärkte zum Samstag sind ebenfalls rar gesät. Und ständig liest man Entfernungsangaben wie "Brico 2 Minuten - 4. Ampel rechts - Nur meist fragt man sich nach 10 Minuten, wo zum Henker denn nun dieser Baumarkt sein soll. Auch die Entfernungsangaben bei Überlandbeschilderung zwischen kleineren Dörfern scheint oft der Fuchs gemessen zu haben - je nach seiner persönlichen Tagesform. Jegliche Châteles und Mobilos auf Campingplätzen sind hoffnungslos ausgebucht - auch in der Nebensaison. Umso erstaunlicher, dass jegliche Aktivitäten für Touristen auf's Wochenende beschränkt werden. Eine mögliche Erklärung dafür wäre, dass sich der typische Camper ganztägig im riesigen Vorzelt seines Campers aufhält. In Thury-Harcourt findet aktuell die Weltmeisterschaft des berühmt-berüchtigten "Kajak-Polos" statt, weshalb wir in Anbetracht der Massenanreise übermorgen sogleich nach Clécy geflüchtet sind - eine gute Entscheidung, wir campen direkt an der Orne und das Wandern scheint nicht an spezielle Öffnungszeiten gebunden zu sein.

4.10.14 12:00, kommentieren

Reisebericht Frankreich - Teil 1

Ich war ja seit Jahren nicht campen... Warum eigentlich nicht? Besonders interessant ist es, die Verhaltensweisen der eigenen und anderer Nationen vor und auf Campingplätzen zu beobachten. 14 Uhr Ankunft am Campingplatz, selbstverständlich ist der diensthabende Franzose noch in seiner zweistündigen Mittagspause. Kein Problem - wir picknicken, während wir geduldig warten. Ein belgisches Pärchen ist schon etwas länger da und nutzt die Wartezeit effektiv - mit einem ausgedehnten Mittagsschlaf. 14:20h, ein älteres deutsches Paar im schwarzen Mercedes aus Märkisch-Oderland fährt vor. Als der Franzose 10 min nach der Zeit erscheint, kapern Sie mich prompt als Übersetzer (der gemeine Deutsche spricht ja kein Französisch), sie wollen ein kleines Châtelet (Bungalow) mit Meerblick. Was kostest? 54€ für ein 6 Personen - Häuschen pro Nacht - Das ist den mercedesfahrenden Brandenburgern natürlich viel zu teuer - mit ihrer ADAC-Karte sparen sie auf anderen Campingplätzen noch mal 10%, sie wollen sowieso max. 40€ bezahlen und dampfen ab. Auf dem Campingplatz bietet sich nun die folgende Szenerie: Zwei Berliner diskutieren angeregt, wie sie an ihrem Luxuscamper die Wäschespinne anbringen. Der gemeine Engländer hat sich schon häuslich eingerichtet: Nicht nur der Luxuscamper ist dabei, nein er hat sich gleich noch einen kleinen Wintergarten angebaut - und hisst natürlich mit dem üblichen Nationalstolz seine Flagge am Anbau. Die Queen wäre stolz .... Abgekämpft und völlig fertig mit zwei riesigen Rucksäcken kommen die Schweizer an - zu Fuß... Was uns betrifft: wir haben ganz deutsch mit dem Auto die Einfahrt zum zugewiesenen Platz blockiert, sitzen auf Campingstühlen sichtgeschützt mit Blick aufs Meer zwischen Zelt und Auto, trinken wahlweise Champagner aus Plastebechern oder unser mitgebrachtes deutsches Bier und müssen uns schließlich beim freundlichen Franzosen ein Verlängerungskabel leihen... Campen ist großartig... Hier bleiben wir.

4.10.14 11:57, kommentieren